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Lebensraum alter Buchenwald

Der Verantwortungslebensraum Deutschlands

Die Rotbuche (Fagus sylvatica) ist in ganz Mitteleuropa verbreitet. Ohne das Wirken des Menschen wäre der größte Teil Deutschlands (rd. 2/3 der Landfläche) mit Buchen und Buchenmischwäldern bedeckt. Weltweit betrachtet besitzt unsere Rotbuche ein sehr kleines Verbreitungsgebiet, woraus sich die große Verantwortung ergibt, die gerade Deutschland (rd. ¼ des weltweiten Rotbuchenbestandes) für den Erhalt der noch verbliebenen naturnahen Buchenwälder und deren Lebensgemeinschaften besitzt.

Die Rückeroberung Europas durch die Buche begann relativ spät nach der Eiszeit vor rd. 5.000 Jahren von Süd nach Nord. Sie folgte den bis dahin dominierenden Mischwäldern aus Birke, Eiche, Linde, Ulme, Ahorn, Esche und Kiefer und entwickelte sich zur beherrschenden Klimaxbaumart, die sich als einzige Baumart weiter ausbereitet. Diese Erfolgsgeschichte hat die Buche ihrer enormen Konkurrenzkraft gegenüber ihren Mitstreitern im Kampf um Platz, Licht, Wasser, Nähr- und Mineralstoffe zu verdanken. Der Hauptvorteil der Buche liegt in ihrer speziellen Kronenarchitektur, welche die Fähigkeit hat sowohl dichten Schatten zu werfen als auch ertragen zu können. Außerdem ist sie so anpassungsfähig wie kaum eine andere Baumart. Sehr große klimatische, ökologische und standörtliche Amplituden stellen für die Buche kein Problem dar. Sie kommt mit nahezu allen bodenchemischen Verhältnissen klar und weist ein erstaunlich stabiles Gleichgewicht gegenüber ihren tierischen- und pflanzlichen Schadorganismen auf. Aufgrund dieser hohen Anpassungsfähigkeit und vielen genetischen Variationen haben sich verschiedene Standortrassen der Buche mit deutlichen Ausprägungen entwickelt.

Bei einer natürlichen Entwicklung würde die Buche unser Landschaftsbild als Naturwald mit allen Altersphasen in unmittelbarer Nachbarschaft durch eine eigene Dynamik undriesige strukturelle Vielfalt prägen. Diese Buchenwälder lassen aber auch in ihren verschiedenen standörtlichen und geografischen Ausbildungsformen sowie in ihrem Lebenszyklus immer irgendwo und irgendwann Platz für unsere anderen mitteleuropäischen Baumarten. Durch ihren reichen Laubfall und die intensive Durchwurzelung auch tiefer Bodenschichten hat die Buche hohe boden- und bestandspflegerische Qualitäten und bereitet das Milieu für andere Arten vor. Die Rotbuche wird somit zu Recht „Mutter des Waldes“ genannt.

Seit 7.000 Jahren nutzt der Mensch nun den Wald und seit der Zeit Karls des Großen (747-814 n.Chr.) wurden Wälder großflächig für Siedlungstätigkeiten und Landwirtschaft gerodet. Ihren Höhepunkt fand diese Plünderung in der frühindustriellen Entwicklung im 18. und 19. Jahrhundert, die auf der Rohstoff- und Energiebasis von Holz basierte („Hölzernes Zeitalter“). Um 1800 ergab sich eine dramatische Holzknappheit und die aufkommende Forstwirtschaft versuchte dies mit der Aufforstung schneller wachsender Nadelbäume (heute 60 % Flächenanteil) zu kompensieren. So wurde die Buche immer mehr verdrängt. Aktuell ist ein Drittel Deutschlands (rd. 11 Mio. ha) bewaldet, wovon die Buche einen Anteil von 14 % (5 % der Landfläche) ausmacht. Alter Buchenwald, mit einem Bestandsalter von über 180 Jahren, ist nur noch sehr selten auf 0,27% der Waldfläche zu finden. Zur Seltenheit alter Buchenwälder kommt noch eine starke Verinselung der wenigen Restflächen auf isolierten Sonderstandorten hinzu. Durch die oft fehlende Habitattradition wird dieser Umstand für die abhängigen Lebensgemeinschaften aus Tieren, Pilzen und Pflanzen zusätzlich verschärft. Deshalb sind die Lebensgemeinschaften im alten Buchenwald in besonderem Maße stark gefährdet, und dass obwohl die Buche als Baumart keineswegs gefährdet ist.

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