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Stimmen zum Projekt

Prof. Dr. Beate Jessel (Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz)

Welchen Stellenwert hat für Sie das Alt- und Totholzprojekt im Saarland im Rahmen des Bundesprogramms Biologische Vielfalt (BBV) bzw. im Kontext des UN-Übereinkommens zur biologischen Vielfalt (CBD)?

In dem Projekt werden in hervorragender Weise verschiedene Aspekte verbunden, die ich bei der Umsetzung dieser Programme wie auch überhaupt im Waldnaturschutz für sehr wichtig halte. Hervorzuheben ist hier vor allem die Zusammenarbeit mit öffentlichen wie auch privaten Waldbesitzerinnen und Waldbesitzern, aber auch die beispielhafte Integration von Naturschutzzielen in die Waldnutzung. In Deutschland ist der Wald ja vielfach immer noch sehr eintönig strukturiert, aufgeräumt könnte man sagen. Die Bäume befinden sich großflächig in der gleichen Lebensphase. Sogenannte Reife- und Zerfallsphasen, in denen eben auch Totholz mit einer entsprechenden Tier- und Pflanzenbesiedelung vorkommt, sind leider weiterhin noch viel zu wenig vertreten. Mit der Folge, dass es in unseren Waldökosystemen zum einen an biologischer Vielfalt fehlt, zum anderen unsere Wälder sich kaum an den Klimawandel anpassen können. Die CBD hat hierzu übergeordnete Ziele formuliert. Deutschland hat diese in der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt konkretisiert und sich verpflichtet, diese Ziele umzusetzen. Das Saarland zeigt vorbildlich, wie die biologische Vielfalt im bewirtschafteten Wald gefördert werden kann.

 

Was sagen Sie einem Waldbesitzer, wenn er Sie fragt, warum er alte Buchen aus der Nutzung nehmen soll?

Alte und sehr alte Buchen kommen in unseren Wäldern nur noch selten vor. Gerade sie verfügen aber über wichtige Strukturen. Zum Beispiel haben sie zumeist Kronenbrüche, starke abgestorbene Äste, sogenannte Totäste, oder sie verfügen über Baumhöhlen unterschiedlichster Größe. Im Laufe der Jahrtausende haben sich viele verschiedene Lebewesen des Waldes auf Totholz als Lebensgrundlage spezialisiert. Zum Beispiel der Specht, in dessen Höhlen später wieder andere Vogelarten einziehen. Auch viele Käfer- und Pilzarten, die teilweise inzwischen höchst selten und gefährdet sind, benötigen abgestorbenes Baummaterial. Totholz können wir also durchaus als Quelle des Lebens bezeichnen. All dies gehört zu einem intakten Waldgefüge. Wir als Gesellschaft und auch die Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer müssen auch im Sinne der Nachhaltigkeit Wege suchen, wie wir diese Lebensräume, Tiere und Pflanzen für die langfristige Sicherung der Biologischen Vielfalt und die zukünftigen Generationen erhalten können. Das saarländische Projekt will hier wegweisende Ansätze entwickeln, wie Ökologie und Ökonomie sich bestmöglich miteinander verbinden lassen. Letztlich sind wir alle gefordert, wenn es darum geht, eine nachhaltige und naturverträgliche Waldnutzung umzusetzen.

Reinhold Jost (Minister für Umwelt und Verbraucherschutz des Saarlandes)

Warum sind für Sie im Saarland alte Buchen besonders schützenswert?
Ich stamme aus der Gemeinde Rehlingen-Siersburg, die waldreich und vor allem reich an Buchen ist. In der Gemeinde an der Grenze zu Frankreich stehen noch alte Buchenwälder, die in vergangenen kriegerischen Auseinandersetzungen häufig beschossen wurden. Holzwirtschaftliche Nutzung schied hier aufgrund der vielen Metallsplitter in den Bäumen oftmals aus. Ich genieße die Ästhetik der großkronigen Bäume und freue mich beim Anblick von Spechten und Hohltauben. Die Nutzungsinteressen und Schadereignisse haben ansonsten dazu geführt, dass unsere Buchen deutlich vor ihrer natürlichen Mortalität geerntet werden. Wir wissen allerdings inzwischen, dass uns dadurch wichtige Phasen im Leben der Bäume verloren gehen, die wir erhalten wollen, um die biologische Vielfalt weiter zu fördern.

 

Wie kann die Politik sicherstellen, dass die eingeleiteten Maßnahmen für den Schutz der Alt- und Totholzbiozönosen nicht von einer nachfolgenden Regierung wieder beendet werden, was auch die aktuellen vorbildlichen Anstrengungen zunichte machen würde?
Die naturnahe Waldbewirtschaftung im Saarland wird bereits seit 1988 praktiziert. Sie wurde vom damaligen Wirtschaftsminister Hajo Hoffmann eingeführt. Alle darauf folgenden Minister Reinhold Kopp, Prof. Willy Leonhardt, Heiko Maas, Stefan Mörsdorf, Dr. Simone Peter und meine unmittelbare Vorgängerin Anke Rehlinger haben die naturnahe Waldbewirtschaftung mit der Forstverwaltung fortgeführt und weiter entwickelt. Das wird auch bei mir nicht anders sein. Vor ein paar Monaten haben alle im saarländischen Landtag vertretenen Fraktionen die Bildung eines länderübergreifenden Nationalparks im Hochwald beschlossen, um damit einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz zu leisten. Diese Entwicklung zeigt deutlich: Wenn es um den Schutz und die Förderung der Biodiversität geht und die Notwendigkeit, Verantwortung für unsere Buchenwälder zu übernehmen, besteht seit vielen Jahren parteiübergreifende Einigkeit. Ich sehe die Gefahr nicht, dass eine Nachfolge-Regierung diese Anstrengungen zunichte machen wird.

 

Was sagen Sie einem Waldbesitzer, wenn er Sie fragt, warum er alte Buchen aus der Nutzung nehmen soll?
Es gibt schätzungsweise 30.000 bis 40.000 Privatwaldbesitzer im Saarland. Die wenigsten davon werden über 140-jährige Buchen auf ihren Kleinparzellen stehen haben. Diejenigen, die größere Waldflächen besitzen, verfügen über gute Fachkenntnisse. Sie wissen in der Regel, dass die Nutzung dieser großkronigen Bäume aufwändig ist und wertmäßig oft nicht mehr als der Brennholzpreis rausspringt. Insofern lässt der ein oder andere diese großkronigen Solitäre auch gerne alt werden. Trotzdem sollten wir im gemeinsamen Alt- und Totholz-Projekt auch Möglichkeiten prüfen, wie wir diese Bereitschaft finanziell unterstützen können.

Hans-Albert Letter (Leiter SaarForst Landesbetrieb)

Die Kooperation zwischen Staatsforst und NABU im Rahmen des BBV-Projektes „Wertvoller Wald durch Alt- und Totholz“ ist deutschlandweit einmalig. Was hat Sie als Leiter des SaarForst Landesbetriebes dazu veranlasst dieses Projekt mitzugestalten?

Der SaarForst Landesbetrieb bewirtschaftetden von ihm betreuten Staats- und Kommunalwald seit 1989 nach hohen ökologischen Standards. Von Beginn an wurde die Waldbewirtschaftungsrichtlinie immer wieder auf Basis neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und gesetzlicher Rahmenbedingungen weiterentwickelt und aktualisiert. Wir pflegen beim SaarForst Landesbetrieb eine sehr gute und kooperative Zusammenarbeit mit allen Naturschutzverbänden. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass es in Kooperation möglich ist, wichtige Projekte gemeinsam zu stemmen. 2010 haben wir die so genannte „3-Säulenstrategie“ entwickelt, um auch die Alt- und Totholzlebensgemeinschaften flächendeckend in den Wirtschaftswald zu integrieren. Im Rahmen des BBV-Projektes wollen wir gemeinsam mit dem NABU an dieser Strategie weiterarbeiten. Darüber hinaus wird der SaarForst Landesbetrieb natürlich auch seine praktischen Erfahrungen mit der Integration der Alt- und Totholzlebensgemeinschaften in das Projekt einbringen können, um Konzepte für den Kommunal- und Privatwald zu entwickeln.


Welche Maßnahmen innerhalb der Waldwirtschaft sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig, um langfristig das Überleben von Alt- und Totholzlebensgemeinschaften zu gewährleisten und wie können diese Bemühungen nachhaltig politisch abgesichert werden?

Um die Alt- und Totholzlebensgemeinschaften zu sichern, ist es notwendig, dauerhaft und flächendeckend ausreichend Lebensraum zur Verfügung zu stellen. Lebensraum bedeutet in diesem Zusammenhang, genügend alte und starke Bäume nicht zu ernten, sondern sie dem natürlichen Altern und dem Zerfall zu überlassen. Dieser Verzicht auf die Ernte der Bäume bedeutet einen Verzicht auf Einnahmen aus dem Verkauf des Holzes und verkleinert die Menge des potenziell nutzbaren Holzes. Der Verzicht auf die Ernte, d.h. das bewusste Belassen alter und starker Bäume muss daher begründet sein, um Akzeptanz beim Waldbesitzer und bei der Gesellschaft zu finden. Die „3-Säulenstrategie“ des SaarForst Landesbetriebes folgt daher auch ganz bewusst einer wissenschaftlichen Begründung, um den Nutzungsverzicht herzuleiten. Die Mengen an alten Bäumen, die aus der Nutzung genommen werden sind in dieser Größenordnung notwendig. Weniger würde den Alt- und Totholzlebensgemeinschaften nicht ausreichend Lebensraum bieten, mehr würde zu unnötigen Einnahmeverlusten und zu einer Verknappung des nutzbaren Holzes führen. Der öffentliche Wald, und hier insbesondere der Staatswald, ist zu einem ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Handeln verpflichtet. Zum Lebensraum Wald gehören zwingend die Phasen des Alterns und des Zerfalls mit ihren Lebensgemeinschaften. Nur wenn diesen ausreichend Lebensraum geboten wird, kann man von einer umfassend nachhaltigen Waldwirtschaft sprechen. Das Saarland wird mit der Integration der Alt- und Totholzbiozönosen seiner besonderen, auch gesetzlich formulierten Verantwortung für den Lebensraum Buchenwald gerecht. Sehr wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang, den Einnahmeverlust, den die Waldbesitzer zum Schutz der Alt- und Totholzlebensgemeinschaften tragen, auch monetär darzustellen. Die Erhöhung der Biodiversität führt im Fall der Alt- und Totholzlebensgemeinschaften zu einer Verminderung der Einnahmen und belastet den Waldbesitzer. Um die Lebensgemeinschaften dauerhaft zu sichern, muss dies deutlich werden und dem Waldbesitzer von Gesellschaft und Politik honoriert werden.

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