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Totholz und Habitatbäume als Grundlage der Biodiversität

Totholz ist eine Schlüsselgröße für die Artenvielfalt temperater Waldökosysteme (Stokland et al., 2012). Eine Vielzahl an Invertebraten (v.a. Käfer, Hautflügler und Zweiflügler), Wirbeltieren, Pilzen, Bakterien, Flechten und Moosen benötigt Totholz als Nährstoffquelle und Brutsubstrat (Seibold et al., 2015a; Speight, 1989; Stokland et al., 2012). Holzabbauende Bakterien, Pilze und Insekten sind die Grundlage eines komplexen auf Totholz aufbauenden Nahrungsnetzes aus mycetophagen, räuberischen und parasitoiden Arten. Daher werden etwa ein Viertel bis ein Drittel aller waldbewohnenden Arten als xylobiont, also totholzbewohnend eingestuft (Siitonen, 2001; Speight, 1989). Zahlreiche weitere Arten sind nicht unmittelbar von Totholz abhängig, profitieren jedoch von positiven mikroklimatischen Bedingungen in und nahe an Totholz, nutzen Totholz als Unterschlupf und Struktur oder profitieren vom Beuteangebot in Form xylobionter Organismen (Seibold et al., 2016a; Stokland et al., 2012). Darüber hinaus ist Totholz eine wichtige Nährstoffquelle und holzabbauenden Organismen kommt eine Schlüsselrolle in der Bereitstellung dieser Nährstoffe für Bäume und andere Pflanzen zu (Chapin et al., 2011; Stokland et al., 2012). Neben Totholz sind vor allem Mikrohabitate an lebenden oder teilweise abgestorbenen Altbäumen von großer Bedeutung für die Artenvielfalt, vor allem der xylobionten Arten (Lindenmayer et al., 2012). Hierzu gehören unter anderem verschiedene Formen von Höhlen, Stamm- und Rinderverletzungen, abgebrochene Äste und Kronenteile, Pilzkonsolen und Phytotelmen (Kraus et al., 2016; Larrieu et al., 2018).
Im Zuge ihrer 5.000-jährigen Nutzungsgeschichte haben sich mitteleuropäische Wälder nicht nur ihrer Ausdehnung reduziert, sondern auch in ihrem Erscheinungsbild stark verändert (Grove, 2002). Zur Optimierung der Holzproduktion erfolgte in den letzten Jahrhunderten ein Umbau der natürlichen Laubbaumgesellschaften hin zu Nadelholzbeständen; durch den Aufbau hoher Holzvorräte, Bekämpfung natürlicher Störungen und Rückgang von Waldweide und traditionellen Waldbausystemen wurden Wälder zunehmend dichter und dunkler (Pretzsch et al., 2014; Schelhaas et al., 2003; Thünen-Institut für Waldökosysteme, 2014). Durch frühzeitige Holznutzung und gezielte Waldhygienemaßnahmen sind Totholzvorräte und späte Waldentwicklungsphasen, die sich durch ein hohes Vorkommen von Totholz und Habitatbäumen auszeichnen, stark zurückgegangen. Die heute in Deutschland im Mittel vorkommende Totholzmenge von 20,6 fm/ha (Thünen-Institut für Waldökosysteme, 2014) entspricht in etwa 10-20% der Totholzmenge natürlicher Laubwälder in Mitteleuropa (Burrascano et al., 2013; Christensen et al., 2005). Diese Entwicklung führte zum drastischen Rückgang und teilweise Aussterben zahlreicher totholz- und altbaumbesiedelnder Arten (Horion, 1949-1974; Seibold et al., 2015b; Speight, 1989). Um diesem Trend entgegenzuwirken, wurden in den letzten Jahren zunehmend Konzepte erstellt, wie Totholzmengen erhöht und Habitatbäume gefördert werden können.